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Das "global
village"-Paradox
Über wieviele
Stationen kennen Sie den Dalai Lama? Oder Boris Becker und den Papst?
Die meisten
Menschen schätzen hier fünfzig bis hundert: "Ich
selbst kenne vielleicht ein paar hundert Leute", könnte
die Begründung lauten, "und wenn ich davon einen frage,
kennt der vielleicht wieder hundert. So taste ich mich peu a peu
an die Zielperson heran, und mit etwas Glück bin ich nach ein
paar Dutzend Zwischengliedern beim Dalai Lama angekommen."
Aber wer so
denkt, denkt falsch. Erstens kennen die meisten von uns weit mehr
Menschen, als sie glauben, und zweitens brauchen wir von uns selber
bis zum Dalai Lama oder bis zum Papst nicht mehrere Dutzend Vermittler,
wie die meisten glauben, sondern im Durchschnitt etwa vier. Und
das gilt nicht nur für den Papst und für den Dalai Lama,
sondern für jeden anderen Menschen auf der Welt: Unter recht
realistischen Annahmen über Freunde und Bekannte brauchen wir
von uns selbst bis zu einem beliebigen anderen Menschen auf dem
Globus weit weniger Vermittler als die meisten glauben; bei einigen
Zielpersonen mehr, bei anderen weniger, und im Durchschnitt, wie
wir im weiteren sehen werden, vermutlich weniger als vier.
°
Aber zuerst
einmal: Was ist ein Bekannter? In den einschlägigen soziologischen
Studien, auf die ich mich im weiteren beziehe, ist das jemand, den
ich mit Namen kenne und auf der Straße grüsse, und davon
hat der "normale" Bundesbürger eine ganze Menge -
Schulfreunde, Lehrer, Professoren, Urlaubsbekannte, Brüder,
Schwestern, Onkeln, Tanten, Cousins, Cousinen, Nachbarn, Kegelfreunde,
Priester, Polizisten, Rechtsanwälte, Tankwarte, Zeitungsverkäufer,
Arbeitskollegen, Vorgesetzte, Untergebene, Kneipenwirte, Saufkumpane,
Kaufleute, Handwerker, Apotheker, Stromableser, Kellner oder Friedhofsgärtner.
Wenn wir eine solche Liste von uns namentlich bekannten Menschen
einmal
gründlich mustern, kommen wir in aller Regel auf rund tausend
Personen, sicher mehr als viele glauben.
Wenn uns diese
Zahl zu hoch erscheint, so nur, weil wir nicht allen unseren Bekannten
die Ehre antun, sie in Gedanken ständig vorrätig zu halten.
So erinnern wir uns vielleicht deutlich an den Zahnarzt, aber nicht
an seine Sprechstundenhilfe, oder an den Unfallgegner vom letzten
Wochenende, aber nicht an seinen Beifahrer, oder an unseren Kompaniechef
bei der Bundeswehr, aber nicht an seinen Stellvertreter, so dass
die erheblich kleinere Menge der Menschen, die unser aktuelles Kurzzeitgedächtnis
belegen, uns nicht darüber hinwegtäuschen sollte, wie
gross doch unser Bekanntenkreis in Wahrheit ist.
Dieser Kreis
von ungefähr tausend unmittelbaren Bekannten explodiert jedoch
geradezu, wenn wir zu mittelbaren Bekannten, also zu den Bekannten
dieser Bekannten übergehen. Denn unsere mittelbaren Bekannten
vermehren sich nicht additiv, wie viele hier intuitiv unterstellen,
sondern multiplikativ; wir müssen die tausend Bekannten unserer
Bekannten nicht zu unseren eigenen Bekannten hinzuzählen, sondern
unsere eigenen tausend Bekannten mit tausend malnehmen, und das
ist ein grosser Unterschied. Denn wenn jeder unserer eigenen tausend
Bekannten wieder tausend Menschen kennt, und wenn es dabei keine
Überlappungen gibt, sind wir schon nach einem einzigen Zwischenschritt
bei tausend mal tausend oder einer Million Bekannten zweiter Stufe
angelangt!
Nun sind natürlich
die jeweils tausend Bekannten unserer eigenen Bekannten nicht alle
verschieden: mindestens eine Person, nämlich ich selbst, kommt
sogar simultan in allen diesen Mengen vor. Deshalb will ich einmal
unterstellen, dass nur hunderttausend dieser eine Million Bekannten
zweiter Stufe wirklich unterschiedliche Personen sind. Und jetzt
sitze ich im ICE Hamburg-München neben einer auf den ersten
Blick wildfremden Person. Wenn diese ihre eigenen tausend persönlichen
Bekannten zufällig und unabhängig voneinander aus allen
achtzig Millionen Bundesbürgern aussucht, so ist mit einer
Wahrscheinlichkeit von
1 -(79 900 000/80 000 000)1000 = 71,4%
darunter mindestens eine Person aus meinem eigenen Bekanntenkreis
zweiter Stufe. Oder anderes ausgedrückt, mit einer Wahrscheinlichkeit
von mehr als 2/3 kennt er oder sie mindestens einen meiner Bekannten
zweiter Stufe persönlich, d.h. mit einer Wahrscheinlichkeit
von mehr als 2/3 sind wir über maximal zwei Stationen selbst
miteinander bekannt.
Die Wahrscheinlichkeit
für eine Bekanntschaft über drei Stationen ist nochmals
drastisch größer, und bei vier Stationen bleibt fast
niemand in der Republik mehr übrig, der nicht mit mir selbst
über die eine oder andere Bekannntenschiene verbunden ist.
°
Dieses Resultat
wird vielleicht plausibler, wenn wir uns einmal die am weitesten
getrennten Bundesbürger vorstellen, die beiden Personen in
Deutschland mit den meisten Zwischenschritten von
einen zum anderen - etwa einen Leuchtturmwärter auf einer Hallig
in der Nordsee und eine Sennerin auf einer Alm im Allgäu, die
sich im Leben nie gesehen und ihren Leuchtturm bzw. ihre Alm kaum
je verlassen haben. Wieviele Schritte brauchen wir von einem zum
anderen maximal?
Fangen wir beim
Leuchtturmwärter an. Ganz gleich wie abgeschieden dieser lebt
-selbst der größte Eremit muss zuweilen zum Zahnarzt
oder eine neue Tabakspfeife kaufen und kennt damit zumindest eine
Handvoll Leute persönlich. Unter dieser Handvoll persönlicher
Bekannten findet sich mindestens einer, oder ich will geteert und
gefedert werden, der sich für Politik interessiert oder einen
politisch interessierten Menschen kennt, der wiederum den lokalen
Bundestagsabgeordneten kennt, und damit ist unser Leuchtturmwärter
über zwei Stationen im Deutschen Bundestag.
Dito die Sennerin.
Auch sie kann, so gern sie es vielleicht auch möchte, nicht
völlig vom Rest der Menschheit abgeschieden leben, und kennt
Menschen, die wiederum politisch interessierte Menschen kennen,
die den lokalen Bundestagsabgeordneten kennen, so dass beide, der
Leuchtturmwärter wie die Sennerin, über höchstens
zwei Stationen einen Bundestagsabgeordneten kennen, wenn auch vermutlich
nicht den gleichen. Aber diese beiden Abgeordneten kennen sich wahrscheinlich,
und wenn nicht, so haben sie auf jeden Fall einen gemeinsamen Bekannten,
auch wenn es nur der Saaldiener des Bundestages ist, so dass die
folgende Bekanntenkette mit zusammen sieben Zwischengliedern die
absolut längste ist, die ich mir in Deutschland überhaupt
nur denken kann:
Sennerin - Frauenarzt
- CSU - Kreisvorsitzender - Bundestagsabgeordneter A - Saaldiener
- Bundestagsabgeordneter B - Greenpeace-Aktivistin - Fischverkäufer
- Leuchtturmwärter.
Wenn aber keine
einzige Bekanntenkette mehr als sieben Zwischenglieder hat, so hat
natürlich auch der Durchschnitt weniger als sieben. Und sogar
beträchtlich weniger als sieben, denn wie oben ausgerechnet,
haben die meisten von uns schon nach zwei, drei Zwischenschritten
fast die gesamte Republik erfasst.
Wenn also im
nächsten Osterurlaub in der Pariser Metro oder an einem Skilift
in Colorado die Verkäuferin aus dem Kiosk an der Ecke treffen,
wundern Sie sich nicht. Ich selbst z. B. sitze dieser Tage neben
einer Mitarbeiterin des Rektors; es wird Bier gereicht, meine Nachbarin
bemerkt: "Nicht schlecht, aber auch nicht meine Lieblingsmarke."
"Ich frage also nach der Lieblingsmarke - Bitburger -und erfahre,
dass die junge Dame aus der Eifel stammt und wir auf der gleichen
Schule waren (das Regino-Gymnasium in Prüm). Oder eine Freundin
des Hauses meldet in München eine Firma an; der zuständige
Beamte bemerkt, als er ihren Ausweis und Geburtsort sieht: jaja,
in S., da sei er selber
lange Zeit gewesen, er könne sich noch gut an einen tollen
Polterabend erinnern, den er dort mitgefeiert habe. Und vor ihm
steht die damalige Braut. Oder der Soziologe Ithiel de Sola Pool,
der Begründer der Kleine-WeIt-Forschung vom amerikanischen
MIT, erzählt von einem Krankenhaus-Besuch: ein Patient, Elektrotechniker
bei einer Telefongesellschaft, bemerkt zu einem anderen Patienten,
einem Chinesen: "Komisch, ich kenne ausser Ihnen nur einen
einzigen Chinesen auf der Welt -einen aus Shanghai." "Ja",
sagt der Chinese, "das ist mein Onkel."
°
Der Psychologe
Stanley Milgram hat dieses weltumspannende Kontaktnetz einmal empirisch
überprüft, in das wir alle nolens volens eingewoben sind:
Aus dem Telefonbuch zufällig ausgewählte Personen aus
dem mittleren Westen der USA hatten einen Brief über Bekannte,
und zwar allein über persönliche Bekannte und auf keinen
Fall direkt, der Frau eines Theologiestudenten im fernen Boston
zuzustellen.
Den ersten Brief
erhielt diese nach zwei Tagen: die Testperson, ein Weizenfarmer
aus Kansas, hatte den Brief seinem Pfarrer gegeben, der einem Theologieprofessor
in Boston und der wiederum der ihm persönlich bekannten Frau
seines Studenten -eine Kette mit zwei Zwischengliedern.
Die durchschnittliche Zahl der Zwischenglieder in Milgrams Experimenten
war fünf, aber damit überschätzen wir die minimale
Zahl, die für eine Kontaktaufnahme nötig ist: da die Zwischenboten
auf gut Glück im Nebel suchen mussten, waren die verschiedenen
Stationen in der Regel nicht die schnellsten. Hätte jeder Bote
genau gewusst statt nur zu raten, welche Person in seinem eigenen
Bekanntenkreis der Zielperson am nächsten steht, wären
die Briefe noch viel schneller angekommen.
Auch Landesgrenzen
oder Ozeane stehen diesen Kontakten kaum im Wege. Denn um die Grenzen
von Ländern und Kulturen zu durchbrechen, reicht es, wenn das
erste Glied der Kette (zur Not auch ein späteres) eine einzige
Person des anderen Kulturkreises persönlich kennt - von da
an läuft die Kette auf "normale" Weise weiter.
"Aber was
ist mit Einsiedlern und Urwaldmenschen, die niemanden kennen oder
kennen wollen? Die müssen doch den schönen Durchschnitt
ganz gewaltig ruinieren."
Sie müssen
nicht. Denn wie uns die Sennerin und der Leuchtturmwärter zeigen,
reicht eine einzige "normale" Kontaktperson, um die Kontaktschranke
zu brechen. Von den ganz wenigen Menschen abgesehen, die à
la Robinson von der Umwelt wirklich völlig abgeschnitten sind,
ist die Zahl der Zwischenstationen von solchen Eremiten zu uns selber
nur um einen einzigen Schritt grösser als normal. Denn wenn
diese Außenseiter auch nur eine einzige "normale"
Person persönlich kennen -und selbst der einsamste Indianer
im hintersten Amazonasbecken kennt den einen oder anderen Buschpiloten
oder Missionar durchaus persönlich - muss ich nur die Schritte
von mir selbst zu dieser Kontaktperson berechnen, plus eins: dann
bin auch ich selbst mit diesem Indianer im hintersten Amazonasbecken
über Umwege bekannt.
Wenn ich also
das nächste Mal im Kino sitze, und mein Vordermann entpuppt
sich als der 20 Jahre lang vermisste Stiefsohn einer Schwiegertante,
bei der ich gestern erst zum Kaffee eingeladen war, dann bleibe
ich ganz ruhig und gelassen und sage nur "Na und?"
aus: Krämer, Walter. Denkste! Trugschlüsse aus der Welt
des Zufalls und der Zahlen. Campus Verlag Frankfurt/Main 1995, S.
60 - 65
Ihre tausend
Bekannten. Die Tabelle
zum Ausfüllen.
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