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Lebenslauf für Geschichtenliebhaber

Wer einen Polizisten als Vater hat, glaubt an beleibte, blaue Schutzengel. Denn bei meinen jugendlichen Positionierungskämpfen genügte ein Verweis auf Vaters fiktive Judokenntnisse.

Wenn der Grossvater mütterlicherseits drei Mal ein Geschäft von Null an aufbaut, muss irgend etwas von diesem Pioniergeist übrig geblieben sein.

Eine Mutter, die menschliches Verhalten im Zweiten Weltkrieg hautnah mitbekam, orientiert sich tendenziell daran, wie Menschen sind. Nicht wie sie sein sollen.

Ein Polizistensohn ist dann stolz auf seinen Vater, wenn er ungestraft sein Töffchen frisieren kann und der Vater dies als fröhlicher Anarchist ungesagt gut heisst.

In der Mittelschule sitzen zu bleiben, ist eine Ehre, wenn dies vorwiegend aus rebellischen Gründen geschieht und der neue Klassenlehrer einem mit den Worten begrüsst "Alles Gute kommt von oben".

Die Verabreichung und Verdauung von totem Wissen in staatlichen Schulen hat mich zum Spicken gebracht. Und so lernte ich bei der Prüfungsvorbereitung Veranschaulichung, Reduktion und Kreativität.

Ich wurde nicht Bauer, Bäcker oder Polizist wie mein Vater, sondern studierte Germanistik. Vielleicht weil meine Mutter Buchhändlerin und ihr Vater Verleger war.

Wenn man die ganze Verwandtschaft ärgern will, indem man noch Theologie studiert, ist das ein ziemlicher Aufwand. Die Nebenprodukte eines Entscheides merkt man erst später.

Falls jemand das Glück hat, dass die erste Liebe auch in schwierigen Zeiten alle Wunschvorstellungen erfüllt, glaubt er immer wieder an die Macht der Gefühle.

Manchmal werden Entlassungen zu Glücksfällen. Denn nur weil meine Vorstellungen von effektivem Lernen der Zuger Obrigkeit nicht gefiel, wanderte ich für acht Jahre nach Italien aus.

Lachen zersetzt Macht und ist anarchistisch. In meinem liebsten Arbeitszeugnis wird mir diese Seite als Negativpunkt angerechnet. Laut Gesetz könnte man das anfechten.

Der Name Propeller soll zwar den Schub signalisieren, den wir den Unternehmen geben. Aber eigentlich hat er mit meiner Leidenschaft für die Fliegerei zu tun.

Militär ist nicht nur streng, sondern auch lustig. Das wollte ich nach dem Abgeben der Utensilien in der linken WoZ schreiben. Die Stelle über das schöne Pfadfinderleben wurde von der Entweder-Oder-Welt nicht goutiert.

Auch ferne Realitäten entdecken, macht Spass. Zum Beispiel als ich mit Andy Warhol eine Nacht lang durchsoff oder Keith Richards stundenlang beim Klavierspiel zuhörte.

Wenn man verliebt ist, wird die Umgebung nebensächlich. Es waren vor allem Frauen, die mich die hässlichsten Gegenden aushalten liessen. Genua und Hamburg liebe ich noch immer.

Worte haben eine Magie. Ich kam jedenfalls in den Sog von Sansibar und flog Hals über Kopf nach Schwarzafrika. Aber zu Fuss entdeckt man wohl jede Welt auf ganz besondere Weise. Selbst mit frühkindlichem Wandertrauma.

Disziplin lernen, wo man sie nicht erwartet. Ein Schlüsselerlebnis, als ich als Juniortexter mit 37 Jahren einen Text 15 Mal neu schrieb. Und 14 Mal ahnte, dass er noch keine Qualität hatte. Die Wirksamkeit eines Meister-Schüler-Verhältnisses erfuhr ich allerdings schon beim Kampfsport.

Wenn Jacques Séguéla es schaffte, François Mitterand zum "König" von Frankreich zu machen, musste etwas an seiner Star-Strategie dran sein. Also lernte ich sie und wurde zum Marilyn Monroe Kenner.

Die aufregendste Geschichte mit meinem Motorrad habe ich erlebt, als es stand. Denn aus Sicherheitsgründen kettete ich es in Rom ans Eingangstor einer nicht gerade unbekannten Kirche. An diesem Tag fanden nur Ultradünne Zugang zu Gottes Wort.

Niemand machte mich besser auf das Wesentliche aufmerksam als meine schwerst behinderte Tochter Olivia. Und als der sprachlose Engel uns am 2. März 2003 mit 15 Jahren wieder verliess, begannen die Lektionen in die Kunst des Loslassens.

 
 
 
 
"Gewohnheiten sind die Klarsichtpackung des Charakters."
Helmut Lohner
 
 
 
fuchs@propeller.ch